Kapitel 04 – Ein Schatten zu viel
Der Regen hatte die Straße fast leergefegt, nur vereinzelte Tropfen prasselten noch gegen das Schaufenster meines Ladens. Das schwache Licht der Straßenlaternen malte blasse Streifen auf den nassen Asphalt. Es hätte ein normaler Abend sein können.
Hätte.
Damon saß auf dem Hocker neben der Werkbank, sein Rücken an die Wand gelehnt, die Augen halb geschlossen. Der Verband an seiner Seite war notdürftig, aber er hielt – fürs Erste. Die Wunde pochte unter meiner Haut, als wäre sie meine.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte ich leise.
Damon öffnete die Augen einen Spalt.
„Gut genug.“
Das war eine Lüge.
Aber er gab sie mit derselben Ruhe von sich wie jemand, der schon lange aufgehört hatte, auf seine Wahrheit zu hören.
Ich stand dicht vor ihm, meine Hände noch zitternd vom Adrenalin. Es fühlte sich an, als würde die Zeit falsch atmen – zu schnell, zu langsam, zu ungleichmäßig.
„Sie sollten sitzen bleiben“, murmelte ich.
„Ich sitze“, entgegnete er mit einem flüchtigen Schimmer von Humor.
Ich musste lächeln.
Nur kurz.
Dann krachte draußen etwas Metallisches.
Damon war sofort wach.
Wacher, als ein verletzter Mensch sein sollte. Seine Hände verkrampften sich an der Kante des Hockers, sein Blick wurde hart, konzentriert.
„Was war das?“, flüsterte ich.
„Jemand ist da.“
Es war keine Vermutung.
Es war Gewissheit.
Ich trat vorsichtig zum Fenster, spähte durch Blätter und Blumen hindurch. Die Straße lag im Halbdunkel. Nichts bewegte sich. Kein Auto, kein Spaziergänger.
„Ich sehe niemanden.“
„Sie hören nicht, was ich höre.“
„Was hören Sie denn?“
Sein Blick glitt zur Tür.
„Jemanden, der versucht, nicht gehört zu werden.“
Ein Schauer kroch meinen Rücken hinunter.
„Wir müssen hier weg“, sagte er plötzlich und versuchte aufzustehen.
Ich hielt ihn zurück.
„Sie sind verletzt.“
„Das ist nicht relevant.“
„Doch, ist es.“
Er sah mich an – dieser Blick, der mich gleichzeitig warnte und beruhigte, als würde die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen.
„Ava…, wenn sie wiederkommen, dürfen sie dich nicht hier finden.“
„Sie?“
Er antwortete nicht sofort.
Dieses Zögern war schlimmer als die Worte selbst.
„Die Männer, die mich verfolgen“, sagte er schließlich leise.
„Sie haben nicht aufgehört zu suchen.“
Mir wurde kalt.
„Warum?“
„Weil sie glauben, dass ich ihnen etwas schulde, das ich nie geben kann.“
Bevor ich fragen konnte, glitt ein Schatten über die Scheibe.
Damon spannte sich an.
„Weg vom Fenster“, flüsterte er.
Ich trat zurück, langsam, leise.
Der Schatten blieb stehen.
Ein Mann.
Zu groß, zu ruhig, zu bewusst.
Damon griff plötzlich nach meiner Hand.
Warm. Fest.
Entschlossen.
„Wir gehen jetzt“, sagte er.
„Wohin?“
„Irgendwohin, wo sie uns nicht sofort finden.“
„Und wer ist er?“ fragte ich mit Blick auf den Mann draußen.
Damon schüttelte leicht den Kopf.
„Jemand, der dich beobachtet hat.“
Mir wurde schwindelig.
„Wie… lange?“
„Lange genug, dass ich ihn beim ersten Mal nicht bemerkt habe.“
Ein Funken Bitterkeit erschien in seinen Augen.
„Das passiert mir selten.“
Der Mann draußen hob die Hand.
Ein langsames, kaltes Zeichen.
Ich fror ein.
„Er weiß, dass wir hier sind“, murmelte Damon.
„Was… will er?“
„Dich.“
Meine Kehle zog sich zusammen.
„Damon…“
„Keine Panik“, sagte er sanft und zog mich zurück.
„Panik bringt uns nicht raus.“
Dann – ganz plötzlich – hob der Mann draußen den Kopf etwas an.
Ich sah ein Lächeln.
Eines, das nicht menschlich wirkte.
Damon drückte meine Hand.
„Wir müssen jetzt.“
Er öffnete die Hintertür einen Spalt, lauschte.
Nichts.
Er drehte sich zu mir um.
„Ava?“
„Ja?“
„Bleib bei mir. Was auch passiert.“
Ich nickte.
Und wir traten hinaus in die Nacht.
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