Kapitel 10 – Der Zufluchtsort
Die Stadt wirkte im Morgengrauen leerer, als sie sollte.
Die Straßen glänzten noch vom Regen, und der Himmel war ein fahler Streifen über den Dächern. Wir gingen schnell, aber nicht hastig — Liam vorneweg, Damon in der Mitte, ich an seiner Seite.
Die Nacht hatte uns verändert.
Oder vielleicht hatte sie nur offenbart, was längst in uns schlummerte.
Damon wirkte müde, aber wachsam. Sein Arm streifte meinen, und jedes Mal, wenn er leicht ins Schwanken geriet, fing ich ihn ab, bevor er fiel. Er ließ es zu — was vermutlich das Seltsamste an allem war.
Ein Mann, der gelernt hatte, niemandem zu vertrauen, ließ mich seine Schwäche tragen.
„Wie weit noch?“, fragte ich.
„Zwei Blocks“, sagte Liam knapp.
„Danach sind wir für ein paar Stunden unter dem Radar.“
„Bei einem Freund von dir?“
„Freund ist ein großes Wort.“
„Also… Verbündeter?“
Er schnaubte.
„Noch größeres Wort.“
Ich musste trotz allem lächeln. Liam war eine eigene Kategorie.
Ruppig, loyal, unangenehm ehrlich — und doch die Art Mensch, die im Notfall vor einem stand, wenn die Welt brannte.
Damon blieb kurz stehen, atmete scharf ein.
„Alles gut?“, fragte ich.
„Ja.“
Er zwang sich, weiterzugehen.
Wir bogen in eine Seitengasse ein. Dort stand ein unscheinbares Gebäude mit grauer Fassade, keine Klingel, kein Schild.
„Hier“, sagte Liam und klopfte dreimal an die Tür — ein Rhythmus, der geübt wirkte.
Ein Riegel schob sich zurück.
Die Tür öffnete sich nur einen Spalt.
Eine Stimme:
„Das ist früh, Liam.“
„Hab Überraschungsgäste.“
Die Tür öffnete sich ganz. Ein Mann Mitte fünfzig, grau meliertes Haar, dunkle Augen. Er wirkte nicht überrascht — nur… vorbereitet.
„Kommt rein“, sagte er.
Wir traten ein.
Das Innere war ein Mix aus Wohnraum und Sicherheitshaus. Verstärkte Fenster. Schlanke Technik. Mehr Schlösser als nötig.
„Setzt euch“, sagte der Mann. „Ich bin Pierce.“
Ich führte Damon zum Sofa.
Pierce sah erst ihn an, dann mich.
„Er hätte nicht laufen dürfen.“
„Sag ich ihm seit Stunden“, murmelte Liam.
Pierce kniete sich vor Damon, prüfte den Verband, nickte nur knapp.
„Du hältst dich besser, als ich erwartet hätte.“
„Kompliment?“, fragte Damon müde.
„Realität“, antwortete Pierce.
Ich sah zwischen ihnen hin und her.
„Kennt ihr euch schon lange?“
„Lange genug“, sagte Pierce.
Liam ging zum Fenster, schob einen Vorhang beiseite, beobachtete die Straße.
Pierce richtete sich auf.
„Es war dumm, Ava mit hineinzuziehen.“
Damon hob den Kopf.
„Ich habe sie nicht hineingezogen.“
„Doch“, sagte Pierce ruhig. „Indem du sie nicht sofort zurückgelassen hast.“
Die Worte stachen.
Etwas zwischen Schuld und Trotz flackerte in mir auf.
„Ich lasse sie nicht zurück“, sagte Damon leise.
Pierce betrachtete ihn prüfend.
„Das dachte ich mir.“
Ich wusste nicht, ob das gut oder schlecht war.
„Ihr könnt hierbleiben“, sagte er. „Ein paar Stunden. Nicht länger.“
„Warum nicht länger?“, fragte ich.
Pierce sah mich an, als hätte ich eine ernsthafte Frage gestellt, deren Antwort eine Warnung war.
„Weil Menschen, die Damon suchen, sehr gut darin sind, Spuren zu lesen.“
Liam drehte sich um.
„Wir bewegen uns weiter, sobald die Sonne hoch ist. Pierce hat recht.“
„Und wohin dann?“, fragte ich.
„Dorthin“, sagte Liam, „wo es wirklich weh tut.“
Damon verzog das Gesicht.
„Ich muss vorher mit Ava reden“, sagte er.
„Dann fang an“, erwiderte Liam. „Wir haben vier Stunden.“
Ich spürte, wie die Luft schwerer wurde.
Und ich wusste:
Die Nacht war vorbei — aber der Krieg war es nicht.
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