Kapitel 14 – Wenn das Zuhause kein Zuhause mehr ist
Ich starrte auf das Foto auf Liams Handy, während die Luft um mich herum schwerer wurde.
Meine Wohnungstür.
Meine Welt.
Im Halbdunkel.
Als wäre sie schon nicht mehr meine.
„Das… kann nicht sein“, flüsterte ich.
„Es ist so.“
Liams Stimme war ruhig, nüchtern.
„Sie wissen, wo du wohnst. Sie wissen, dass du nicht da bist. Und das bedeutet, dass du dorthin nicht mehr zurück kannst.“
Ich konnte nicht atmen.
Oder ich atmete zu schnell – ich wusste es nicht.
„Sie… sie waren wirklich da. Vor meiner Tür.“
Meine Stimme zitterte.
„Sie standen dort. Und haben gewartet.“
„Nein“, korrigierte Liam.
„Sie haben beobachtet. Warten tun sie nur auf einen Fehler.“
Die Kälte in meiner Brust hatte nichts mit dem Wind zu tun.
„Ich kann nie wieder nach Hause zurück?“, fragte ich leise.
Liam steckte das Handy weg.
„Nicht heute. Vielleicht nicht morgen.“
Er musterte mich.
„Vielleicht nie.“
Etwas riss in mir.
Meine Wohnung war nie luxuriös gewesen, nie besonders groß.
Aber sie war mein Ort gewesen. Mein Rückzugsraum.
Jetzt war sie nur noch ein Punkt auf einer Landkarte, an dem ich zur Schwachstelle erklärt worden war.
Wir waren in Liams Loft.
Ein Ort so rau wie er: alte Ziegel, schwere Möbel, eine Mischung aus Werkzeugkisten, Technik, Regalen. Es war kein Zuhause – aber es war sicher.
Oder sicherer als das, was ich verloren hatte.
Ich drehte mich zum Sofa. Damon lag dort, der Arm neu verbunden, die Augen geschlossen. Sein Atem ging gleichmäßiger als in der Nacht zuvor, aber ich sah die Spannungen in seinem Gesicht.
Ich setzte mich an seine Seite und strich ihm vorsichtig über die Stirn.
„Ich hätte dir sagen sollen, dass sie da waren“, murmelte ich.
„Ich wusste es nicht. Und trotzdem bist du für mich gelaufen. Hast dich vor mich gestellt. Hast geblutet.“
Meine Stimme wurde leiser.
„Ich kann dir nicht einmal sagen, wie viel Angst ich um dich habe.“
„Er hört dich nicht“, sagte Liam.
„Vielleicht doch.“
Ich hielt Damons Hand.
Seine Finger waren warm, aber schwer.
Liam lehnte sich an die Fensterbank.
„Also“, sagte ich nach einem Moment.
„Was jetzt?“
„Jetzt“, sagte Liam, „musst du entscheiden, ob du fliehen willst… oder kämpfen.“
Ich hob den Blick.
„Ich bin kein Kämpfer.“
„Komisch“, murmelte er. „Du klingst wie einer.“
„Ich zittere am ganzen Körper.“
„Mut ist nicht das Fehlen von Zittern.“
Er sah mich an.
„Mut ist, trotzdem Dinge zu tun, die dich niederschmettern könnten.“
Ich sah wieder zu Damon. Seine Brust hob und senkte sich.
Jeder Atemzug ein kleiner Sieg.
„Er würde kämpfen“, flüsterte ich.
„Er kämpft seit Jahren“, antwortete Liam.
„Aber das hier… ist neu für ihn.“
„Was meinst du?“
„Du.“
Liam nickte zu Damon.
„Er kämpft sonst nur für sich. Oder gegen sich.“
Eine kurze Pause.
„Du bist der erste Mensch seit langem, für den er so viel riskiert.“
Ich schluckte.
„Er hätte mich sterben lassen sollen“, sagte ich leise.
Liam blinzelte langsam.
„Sag das nie wieder.“
Ich senkte den Kopf.
„Ich meine, ich bin keine Kämpferin. Ich bin eine Floristin.“
„Floristinnen können gefährlicher sein, als du denkst“, murmelte er.
Ein winziges Lächeln zuckte an meinen Lippen.
„Also: Was ist der Plan?“, fragte ich.
Liam ging ein paar Schritte durch den Raum, wie jemand, der eine unsichtbare Karte ablief.
„Plan eins: Wir bleiben heute hier. Türen verriegelt, Fenster gesichert. Damon braucht Ruhe.“
Mein Blick glitt zu ihm.
„Wird er wieder ganz?“, flüsterte ich.
„Wenn er aufwacht, wird er so tun, als wäre er es“, sagte Liam.
„Aber die Wahrheit ist: Er ist schwach. Du bist seine größte Stärke – und seine größte Schwäche. Und seine Feinde wissen das.“
„Weil sie mich kennen“, sagte ich leise.
„Weil sie dich beobachtet haben.“
Liam trat näher.
„Ava… sie haben dich nicht zufällig gewählt. Sie hatten dich im Blick, bevor Damon in deinen Laden gestolpert ist.“
Mir wurde schwindelig.
„Aber… wieso ich?“
„Weil du nicht aus ihrer Welt bist“, sagte er.
„Weil du Licht bist.
Und Männer wie sie… hassen Licht.“
Ich atmete tief ein.
Langsam aus.
„Dann kämpfen wir“, sagte ich.
Liam hob eine Braue.
„Das hast du schneller gesagt, als ich erwartet habe.“
„Ich habe auch schneller zu viel verloren, als du denkst.“
In diesem Moment bewegte sich etwas.
„Ava…“
Damons Stimme war heiser, kaum hörbar.
Ich war sofort bei ihm.
„Ich bin hier.“
Seine Augen öffneten sich ein wenig.
Dunkel, verschwommen, suchend – bis sie mich fanden.
„Du bist… okay?“, flüsterte er.
„Ich bin okay“, sagte ich.
„Wir sind in Sicherheit.“
Er versuchte zu lächeln.
Es war schwach, aber echt.
„Gut…“
Seine Finger suchten meine. Ich legte meine Hand in seine, hielt sie fest.
Er wollte etwas sagen, doch der Satz brach in der Mitte auseinander.
Er sank zurück ins Kissen.
„Ruh dich aus“, flüsterte ich.
„Ich pass auf.“
Liam stand in der Tür, die Arme verschränkt.
„Er braucht dich wach“, sagte er leise.
„Heute Nacht mehr als je zuvor.“
Ich sah zu Damon.
Dann zu Liam.
„Ich bin wach“, sagte ich.
Und ich war es.
Für ihn.
Für uns.
Für das, was kam.
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