Epilog – Drei Wochen später
Der Duft meines Blumenladens war zurückgekehrt.
Lavendel, Rosen, Eukalyptus – Noten von Leben, nicht von Angst.
Und doch war nichts mehr genau wie früher.
Vielleicht, weil ich nicht mehr dieselbe war.
Vielleicht, weil er es nicht war.
Damon stand am Fenster, die Hände in den Taschen, den Blick nach draußen gerichtet. Der Verkehr floss ruhig an der Straße vorbei. Innen war es still.
Die Narbe an seiner Seite heilte langsam. Die am Arm ebenfalls.
Die anderen, unsichtbaren – die brauchten länger.
„Du arbeitest zu viel“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Ich arrangiere Blumen“, antwortete ich. „Das zählt kaum als Überarbeitung.“
„Du hebst Eimer, die schwerer sind als du.“
Ich lächelte, ohne hinzusehen.
„Ich bin vorsichtig.“
„Das bezweifle ich.“
Ich stellte den fertigen Strauß zur Seite und wischte mir die Hände an der Schürze ab.
„Und du? Arbeitest du auch an dir?“, fragte ich.
Er drehte sich langsam zu mir um.
Sein Blick war derselbe wie an dem Abend, als er zum ersten Mal in meinen Laden gestolpert war. Dunkel. Geheimnisvoll.
Aber da war etwas Neues darin.
Ruhe.
Oder vielleicht nur die Bereitschaft, sie zuzulassen.
„Ich versuche es“, sagte er.
Er kam auf mich zu. Nicht mehr mit dem hektischen Tempo der Flucht, sondern mit der vorsichtigen Unsicherheit eines Menschen, der etwas lernen will, das er nie gelernt hat.
„Ich weiß nicht, wie das geht“, sagte er leise.
„Nähe. Ehrlichkeit. Ruhe. Ich habe viel davon verlernt.“
„Ich weiß“, antwortete ich.
„Ich will nichts kaputt machen.“
Ich trat einen kleinen Schritt näher.
Es war nur ein halber, aber er fühlte sich an wie eine Entscheidung.
„Dann machen wir es langsam.“
Er sah auf unsere Hände.
„Langsam klingt gut.“
Ich reichte ihm meine.
Er legte seine hinein, als wäre sie kostbar.
Draußen fuhr ein Bus vorbei.
Drinnen war nur unser Atem zu hören.
„Manchmal“, sagte ich, „habe ich Angst, dass das alles nicht real ist.“
„Ich nicht“, murmelte er.
„Warum?“
Er dachte nach.
„Weil ich zum ersten Mal etwas habe, das sich besser anfühlt als die Lüge.“
Meine Kehle wurde eng.
„Du weißt, dass es noch nicht vorbei ist, oder?“, fragte ich leise.
„Dass sie vielleicht irgendwann wieder auftauchen.“
„Ja“, sagte er.
„Aber dann stehen wir anders da.“
„Wir?“
Er lächelte kaum merklich.
„Ich habe keine Lust mehr, alleine zu kämpfen.“
Die Türglocke klingelte.
Ein Kunde trat ein.
Ich zog zögernd meine Hand zurück.
„Ich warte draußen“, sagte Damon.
„Mhm“, machte ich, das Herz etwas zu voll.
Er war schon fast an der Tür, als er sich noch einmal zu mir umdrehte.
„Ava?“
„Ja?“
„Danke…, dass du mich nicht losgelassen hast.“
Er hielt kurz inne.
„Danke, dass du mir gezeigt hast, dass es mehr gibt als Schatten.“
Mein Lächeln war weich und sicher.
„Ich bin froh, dass du geblieben bist“, sagte ich.
„Ich bin froh, dass du mich gefunden hast“, erwiderte er.
„Oder ich dich. Egal wie – es war richtig.“
Er trat hinaus.
Die Tür schloss sich leise.
Seine Silhouette spiegelte sich im Fenster, bevor er langsam die Straße hinunterging.
Ich sah ihm nach.
Er war noch nicht der Mann, der er sein wollte.
Aber er war auch nicht mehr der, der er gewesen war.
Und ich?
Ich war nicht mehr die Frau, die glaubte, ihr Leben sei klein und überschaubar.
Ich war eine Frau, die gewählt hatte.
Nicht aus Angst.
Nicht aus Pflicht.
Aus Liebe.
Langsam.
Behutsam.
Echt.
Ich steckte eine rote Rose in den Strauß, den ich gerade fertigstellte.
Rot wie Mut.
Wie Neubeginn.
„Langsam klingt gut“, flüsterte ich.
Draußen wartete er.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich „Zukunft“ nicht mehr wie ein Risiko an, sondern wie eine Möglichkeit.
Kapitel 15 von 16
Du bist am Anfang.
Kapitel 16 von 16
Du bist am Ende.
