Kapitel 01 – Der Mann im Regen
Der Regen fiel wie ein leises Versprechen auf die Dächer der Stadt – ein Versprechen, dass die Nacht heute länger und schwerer werden würde. Ich stand im Schaufenster meines Blumenladens, den Rücken an die Holzkante gelehnt, und beobachtete, wie die Tropfen das Pflaster draußen glänzen ließen. Es war einer dieser Abende, die nach Routine rochen.
Nach Arbeit.
Nach Stille.
Die Welt um mich herum schob sich wie immer in meine kleine Ordnung, mein kleines Leben. Ein paar verstreute Blütenblätter auf dem Tisch, der Duft von Rosen und Eukalyptus, das sanfte Summen der Kühlvitrine.
Ich hätte nicht gedacht, dass die Nacht mir alles nehmen und gleichzeitig etwas schenken würde, das ich nie gesucht hatte.
Als ich das Licht im Laden dimmen wollte, hörte ich es: Schritte.
Eilige Schritte.
Zu schwer, um unbedacht zu sein.
Zu unregelmäßig, um ungefährlich zu wirken.
Ich drehte mich um – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ein Mann auf meine Tür stolperte und dagegen prallte. Sein Körper sackte zur Seite, als würde ihn etwas unsichtbar niederdrücken.
Mein Herz stockte.
Bevor ich dachte, bewegte ich mich.
Ich riss die Tür auf.
Er sah auf. Seine Augen waren dunkel, mehr Schatten als Licht, und doch brannte darin etwas, das mir die Kehle eng machte. Schmerz. Wut. Und etwas Unbekanntes, das mich sofort in seinen Bann zog.
Er war groß, breitschultrig, nass vom Regen. Und verletzt.
„Helfen… Sie mir“, brachte er heiser hervor.
Ich wusste später nicht mehr, was genau mich handeln ließ – Instinkt, Mitgefühl oder dieser Blick –, aber ich griff sofort unter seinen Arm und stützte ihn in den Laden.
Sein Gewicht war schwerer, als ich erwartet hatte.
Sein Atem rau.
Sein Hemd… warm und feucht.
Blut.
Mein Puls raste.
„Setzen Sie sich hierhin“, sagte ich, obwohl meine Stimme bebte. „Ich hole etwas zum Verbinden.“
Er sank auf den Hocker neben der Werkbank. Sein Kopf hing einen Moment nach unten, als müsste er gegen die Dunkelheit in sich selbst ankämpfen.
„Wie heißt du?“, fragte er plötzlich.
Ich hielt inne.
„Ava.“
„Damon“, sagte er, als wäre es eine Warnung und ein Bekenntnis zugleich.
Ich nickte – und wusste nicht, dass dieser Name mein Leben ändern würde.
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