Kapitel 13 – Im Zentrum der Gefahr
Die Nacht hatte sich verändert.
Sie war nicht mehr nur ein Raum, durch den wir uns bewegten – sie war ein Gegner.
Die Straßen waren leer, der Himmel geschlossen, die Luft schwer vom Versprechen, dass heute etwas enden würde. Oder beginnen.
Das Gebäude, auf das Pierce auf der Karte gezeigt hatte, wirkte aus der Nähe noch unscheinbarer. Ein grauer Klotz am Rand der Stadt, Fenster ohne Licht, nur ein flackerndes Schild an der Seite, das längst bessere Tage gesehen hatte.
„Charmant“, murmelte ich.
Liam stand neben mir, die Hände in den Taschen, der Blick hellwach.
„Charmant ist nicht das, was wir heute brauchen.“
Damon stand einen Schritt vor uns.
Die Schultern angespannt, der Verband unter seiner Jacke straff, die Konturen seines Gesichts im Halbdunkel härter als je zuvor.
Er hätte irgendwo liegen und heilen müssen. Stattdessen ging er in ein Gebäude, in dem Menschen auf ihn warteten, die ihn lieber tot als lebendig sahen.
„Bereit?“, fragte Liam.
„Nein“, sagte ich ehrlich.
Damon drehte den Kopf zu mir.
„Wir machen das Schritt für Schritt. Du bleibst hinter mir oder hinter Liam. Kein Alleingang, klar?“
„Klar.“
„Ava“, sagte Liam leise, „wenn ich sage ‚weg‘, dann rennst du. Du musst nicht mutig sein. Du musst lebendig sein.“
Ich nickte, obwohl mir der Hals eng wurde.
Pierce hatte uns einen Hintereingang beschrieben – eine Tür, die „offiziell“ nicht existierte. Genau da führte Damon uns hin.
Er zog ein Werkzeug aus der Jackentasche.
Ein Klick.
Zwei.
Die Tür gab nach.
Die Luft im Inneren war kalt und abgestanden.
Flurlicht, das flackerte wie ein alter Fernseher.
Die Schritte hallten leise, jeder Ton zu laut.
„Siehst du Kameras?“, flüsterte ich.
„Nein“, sagte Damon.
„Und genau das macht mir Sorgen.“
Wir gingen den Gang entlang.
Eine Tür links.
Zwei rechts.
Ein Summen irgendwo in der Ferne.
Liam blieb vor einer Tür mit Zahlenkombination stehen.
„Hier“, murmelte er.
„Woher…?“, begann ich.
„Weil es immer so aussieht“, sagte er. „Die Dinge, die niemand finden soll, sehen nie wichtig aus. Nur gut gesichert.“
Damon lehnte sich kurz gegen die Wand, als würde er Kraft sammeln.
Dann trat er vor.
„Lass mich.“
Er tippte die Tastatur.
Seine Finger bewegten sich schnell, als würde er alte Muster wiederholen, die er nie vergessen hatte. Zwei Versuche. Ein Piepen. Die Tür klickte.
„Du hast früher für solche Leute gearbeitet, oder?“, fragte ich leise.
„Ich habe früher für mich gearbeitet“, antwortete er.
„Sie haben nur geglaubt, sie würden dazugehören.“
Wir betraten den Raum.
Er war größer, als ich erwartet hatte.
Keine Schreibtische, keine klassischen Büros.
Nur Regale mit Mappen, Kisten, Schränke.
Und ein Tisch, auf dem mehrere Laptops standen – einer davon an, Bildschirm dunkel, aber nicht aus.
Liam begann sofort zu suchen, als wäre er in seinem Element.
Damon ging langsamer, sein Blick streifte Wände, Ecken, Schatten.
Ich blieb in der Mitte, die Hände zu Fäusten geballt.
„Wonach suchen wir?“, fragte ich.
„Nach dir“, sagte Liam.
„Und nach ihm.“
Ich schluckte.
Liam öffnete eine Schublade.
Dann eine zweite.
In der dritten blieb er stehen.
„Da haben wir was.“
Er zog einen Umschlag heraus, legte ihn auf den Tisch und öffnete ihn.
Mehrere Fotos glitten heraus.
Mein Laden.
Von außen.
Bei Tag, bei Nacht.
Dann mein Gesicht.
Unscharf, durch die Scheibe.
Wie ich lachte.
Wie ich einen Strauß band.
Und dann:
meine Wohnungstür.
Mein Magen zog sich zusammen.
„Die sind nicht von gestern“, murmelte Liam. „Das geht schon länger.“
Ich starrte auf die Bilder.
„Warum…?“
„Weil du sauber bist“, sagte eine Stimme hinter uns.
Ruhig.
Vertraut.
Eiskalt.
Wir drehten uns alle gleichzeitig um.
Er stand in der Tür.
Ohne Kapuze diesmal.
Das Gesicht im Halbdunkel, gepflegt, glatt, die Augen wach und nüchtern.
Er sah aus wie jemand, der in einem guten Restaurant einen Tisch reservieren würde.
Nicht wie jemand, der sich in die Leben anderer Menschen fraß.
„Hallo, Ava“, sagte er.
„Schön, dich endlich richtig zu sehen.“
Damon stellte sich vor mich, sein Körper ein lebendiger Schild.
„Du bist spät dran“, sagte er.
Der Mann lächelte.
„Ich nenne es: dramatischen Auftritt.“
Liam bewegte sich ein Stück zur Seite, um den Raum zu lesen.
„Du hättest deine Leute schicken können.“
„Habe ich.“
Der Mann sah kurz zu Liam.
„Aber manche Dinge bespricht man lieber persönlich.“
Sein Blick kehrte zu mir zurück.
„Du bist noch schöner, wenn du Angst hast.“
Mir wurde schlecht.
Damon spannte sich an.
„Sag noch ein Wort über sie.“
„Warum?“, fragte der Mann, scheinbar ehrlich interessiert.
„Weil du mich dann schlägst? Oder weil du dann endgültig begreifst, wie weit du gefallen bist?“
„Ich bin nicht mehr Teil eurer Welt.“
„Siehst du“, sagte der Mann ruhig, „doch, das bist du. Du stehst in meinem Archiv. Du atmest in meinen Räumen. Du bringst mir Menschen, ohne es zu wollen.“
Seine Augen glitten über mich.
„Sie ist perfekt, Damon. Rein. Unbeschrieben. Du hast Geschmack.“
Die Worte brannten.
Damon machte einen Schritt auf ihn zu.
„Du rührst sie nicht an.“
Der Mann hob die Hände.
„Beruhig dich. Ich bin kein Monster.“
Liam lachte trocken.
„Erzähl das denen, die du benutzt hast.“
„Benutzen ist so ein hässliches Wort“, murmelte der Mann.
„Ich… nutze Gelegenheiten.“
Er trat langsam näher.
Nicht schnell.
Nicht bedrohlich im klassischen Sinn.
Aber in seinen Augen lag etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Was willst du?“, fragte ich.
Er blieb stehen.
Zum ersten Mal wirkte er irritiert.
„Wie bitte?“
„Was. Willst. Du.“
Ein kurzer Moment, in dem er die Frage ernst nahm.
„Ich will“, sagte er dann ruhig, „dass Damon wieder dort weitermacht, wo er aufgehört hat. Und ich will, dass er begreift, dass er nicht einfach mit Menschen verschwindet, die er interessant findet.“
„Ich bin kein Eigentum“, sagte ich.
Er nickte.
„Du bist ein willkommener Nebeneffekt.“
Damon war jetzt so angespannt, dass seine Hände zitterten.
„Dass du sie in dein Spiel gezogen hast“, sagte er leise, „war dein größter Fehler.“
„Nein.“
Ein leises Lächeln.
„Es war dein Fehler, sie wichtig werden zu lassen.“
Alles passierte in Sekunden.
Damon stürmte vor, schneller, als ich es ihm zugetraut hätte.
Der Mann wich nicht zurück – er griff in seine Jacke.
Ein Glitzern.
Metall.
„Damon!“, schrie ich.
Er riss seinen Arm hoch, versuchte, den Schlag abzulenken.
Es gab ein dumpfes Geräusch, einen Ruck in seinem Körper.
Sein Gesicht verzog sich.
Er keuchte.
Liam war sofort in Bewegung.
Ein Schlag, hart, präzise, gegen den Mann.
Der verlor den Halt, prallte gegen den Tisch, stolperte zurück.
„Runter!“, brüllte Liam.
Ich warf mich zur Seite, hörte etwas fallen, ein Geräusch wie brechendes Glas, spürte die Kälte des Bodens an meinen Händen.
Damon sank auf ein Knie.
Seine Hand war rot.
Zu rot.
„Damon!“, schrie ich.
Er presste die Hand gegen seinen Oberarm, wo der Stoff aufgerissen war. Blut sickerte durch die Finger.
„Nichts… lebenswichtiges“, keuchte er.
„Nur… schlecht platziert.“
Liam war über dem Mann.
Sie rangen kurz, dann hatte Liam ihn am Boden, das Knie im Rücken, den Arm auf eine Weise verdreht, die eindeutig wehtat.
„Wenn du dich bewegst, breche ich dir was, dass du noch brauchst“, zischte er.
Der Mann lachte leise.
„Ihr glaubt, dass hier ändert etwas?“, murmelte er.
„Ich bin nicht allein. Ich war nie allein.“
Sirenen.
In der Ferne.
Näherkommend.
Ich blinzelte.
„Die Polizei?“
„Nein“, sagte Damon heiser.
„Seine Leute.“
Liam fluchte leise und sah zu uns.
„Wir gehen“, sagte er.
„Jetzt.“
„Und er?“, fragte ich.
„Er wird reden“, sagte Liam kalt. „Früher oder später. Aber nicht, wenn wir hier liegen bleiben.“
Er ließ den Mann los, stieß ihn hart zur Seite.
Der lachte immer noch – zu ruhig, zu sicher.
„Wir sehen uns wieder“, sagte er an mich gewandt.
„Du bist… schwer zu vergessen.“
Damon wollte noch einmal auf ihn los.
Ich hielt ihn zurück.
„Damon. Nicht jetzt.“
Seine Muskeln zuckten, aber er blieb stehen.
Wir rannten.
Raus aus dem Raum, durch den Flur, die Treppe hinunter.
Die Sirenen wurden lauter.
Licht spiegelte sich an den Wänden, blau und rot und gefährlich.
Draußen riss die Nacht auf.
Autos.
Stimmen.
Hupen.
Liam führte uns durch eine schmale Seitengasse, dann in eine zweite, dritte.
Bis wir die Sirenen nur noch als fernes Echo hörten.
Erst da hielten wir an.
Damon lehnte sich gegen eine Wand, atmete hart.
Seine Hand war immer noch rot.
Ich trat vor ihn, meine Finger zitterten.
„Lass sehen“, flüsterte ich.
Er tat es.
Die Wunde am Arm war tief, aber nicht so schlimm wie die an seiner Seite.
Es sah schlimmer aus, als es war.
Trotzdem zog sich etwas in mir zusammen.
„Er hätte dich treffen können“, sagte ich.
„Hat er nicht.“
„Damon…“
Er hob die Hand, legte sie an meine Wange.
„Du lebst“, sagte er leise.
„Das ist alles, was für mich zählt.“
Liam sah auf sein Handy.
Sein Blick wurde dunkel.
„Was ist?“, fragte ich.
Er zeigte mir den Bildschirm.
Ein Foto.
Meine Wohnungstür.
Frisch aufgenommen.
Die Zeitstempel der letzten Stunden.
„Sie waren da“, sagte Liam leise.
„Während wir bei ihm waren.“
Mir wurde schwindelig.
„Sie wissen, wo ich wohne“, flüsterte ich.
Damon schloss die Augen.
„Dann gibt es kein Zurück mehr“, sagte er.
Und ich wusste:
Er hatte recht.
Es gab nur noch vorwärts.
Kapitel 1 von 16
Du bist am Anfang.
Kapitel 1 von 16
Du bist am Ende.
