Kapitel 15 – Der Moment der Wahrheit
Der Morgen kam, ohne hell zu werden.
Ein fahles Grau lag über dem Loft, als hätte die Nacht beschlossen, noch ein bisschen zu bleiben. Das Licht kroch nur zögerlich durch die Fenster, blieb auf halbem Weg stehen.
Ich saß auf einem Hocker neben Damon.
Ich war nicht eingeschlafen.
Ich konnte nicht.
Er lag noch immer ruhig da, die Verbände sauber, seine Haut etwas weniger blass. Ich hatte seine Atemzüge gezählt, irgendwann aufgehört, weil ich wusste, dass ich sonst wahnsinnig wurde.
„Du wirst irgendwann umkippen“, sagte Liam ohne aufzusehen.
Er saß am Tisch, vor einem Laptop, die Arme verschränkt.
„Nicht heute“, murmelte ich.
„Ich meinte: jetzt.“
Ich ignorierte ihn.
Meine Stimme war weicher, als ich sie haben wollte.
„Ich habe Angst, dass er aufwacht und… nicht mehr er ist.“
„Er ist immer er“, sagte Liam.
„Das ist sein Problem.“
„Was meinst du damit?“
Liam schloss den Laptop, kam herüber und setzte sich auf den Tischrand.
„Damon lebt seit Jahren in einem Zustand zwischen Schuld und Wut. Er packt alles weg, was er fühlt. Tief. So tief, dass er glaubt, da wäre nichts mehr.“
„Und ich?“, fragte ich leise.
„Wo bin ich in diesem Bild?“
„Du bist der Grund, warum er noch lebt“, sagte Liam schlicht.
„Und der Grund, warum ihr Problem jetzt auch deins ist.“
Bevor ich etwas darauf sagen konnte, hörte ich ein leises Geräusch.
Eine Veränderung im Atem.
„Damon?“
Seine Finger zuckten.
Seine Lider flackerten.
Dann öffnete er langsam die Augen.
Er blinzelte, suchte, fand mich.
„Ava…“
Mein Herz setzte aus.
„Ich bin hier“, sagte ich.
„Alles okay.“
Er versuchte, sich aufzurichten. Ich drückte ihn sanft zurück.
„Nicht. Du bist noch nicht so weit.“
„Ich bin… okay“, murmelte er.
„Du bist das Gegenteil von okay.“
Ein schwaches Lächeln.
„Du klingst wie Liam.“
„Ich bin die freundlichere Version“, sagte ich.
Liam stand in der Nähe, verschränkt die Arme.
„Erinnerst du dich an gestern?“, fragte er.
Damon schloss kurz die Augen.
„Ja.“
„An ihn?“
„Ja.“
„An deine brillante Idee, dich vor ein Messer zu werfen?“
„Ganz dunkel“, murmelte Damon.
Ich schnaubte leise, obwohl mir eher nach Weinen war.
„Sie wissen, wo Ava wohnt“, sagte Liam.
Damon reagierte sofort.
Sein Blick wurde scharf.
„Nein.“
„Ja“, sagte Liam.
„Sie standen vor ihrer Tür. Mehr als einmal.“
Damon fluchte leise.
„Ich wollte genau das verhindern.“
„Konntest du nicht“, sagte Liam.
„Die wussten längst zu viel.“
Damon sah zu mir.
„Es tut mir leid.“
„Du hast mich nicht verraten“, sagte ich.
„Du hast mich beschützt.“
„Und dabei dafür gesorgt, dass sie dich noch interessanter finden.“
In seiner Stimme lag etwas, das aussah wie Selbsthass.
„Aufhören“, sagte ich leise.
„Du trägst nicht alles allein. Nicht mehr.“
Er sah mich an.
Lange.
Ernst.
„Ava… ich werde alles tun, um dich da rauszuholen“, sagte er leise.
„Auch wenn ich dafür wieder zurückmuss.“
„Zurück wohin?“
Er antwortete nicht.
Liam tat es.
„In die Welt, die ihn fast aufgefressen hätte.“
Mir wurde kalt.
„Das kannst du nicht“, flüsterte ich.
„Doch“, sagte Damon ruhig.
„Wenn es dich rettet.“
„Es zerstört dich.“
„Dann ist das der Preis.“
„Nein“, sagte ich, und meine Stimme brach.
„Nicht so. Nicht wieder. Du kannst dich nicht opfern, Damon. Nicht für mich.“
Er sah mich mit einer Tiefe an, die mir den Atem raubte.
„Ich tue es nicht nur für dich“, sagte er.
„Ich tue es, weil ich endlich etwas habe, das es wert ist.“
Es wurde still.
Sehr still.
Dann vibrierte Liams Handy.
Er sah darauf – und sein Gesicht veränderte sich.
„Scheiße“, murmelte er.
„Was?“, fragte Damon sofort.
Liam hob den Blick.
„Wir wurden gefunden.“
Kapitel 1 von 16
Du bist am Anfang.
Kapitel 1 von 16
Du bist am Ende.
