Kapitel 02 – Zwischen Furcht und Nähe
Der Regen trommelte gegen die Scheiben, als hätte er beschlossen, heute Nacht Zeuge zu sein. Damon saß auf dem Hocker, die Schultern schwer, seine Hand an der Seite, wo das Blut dunkel durch das Hemd sickerte.
Ich fand die Notfallbox, die ich sonst für Schnittwunden oder Dornen gebrauchte, und kehrte zu ihm zurück.
„Zeigen Sie mir die Wunde“, sagte ich.
„Du musst nicht—“
„Doch“, unterbrach ich. „Bitte.“
Er starrte mich an.
Ein langer, tiefer Blick, der zu viel über mich herausfinden wollte.
Dann nickte er.
Als ich das Hemd vorsichtig anhob, entblößte sich eine tiefe Schnittwunde. Sie sah frisch aus – und gefährlich.
Ich sog scharf die Luft ein.
„Das muss versorgt werden. Sofort.“
„Ich hatte nicht vor, heute zu… bluten“, murmelte er.
Ein Versuch von Humor, der mehr Schmerz enthielt als Witz.
„Stillhalten“, sagte ich leise.
Ich reinigte die Wunde. Damon verzog das Gesicht, atmete kurz scharf ein. Seine Hand krallte sich in die Kante des Hockers.
„Tut mir leid“, flüsterte ich.
Er neigte den Kopf zu mir.
„Du bist… erstaunlich ruhig.“
„Ich fühle mich nicht ruhig.“
„Du wirkst so.“
Ich lachte leise. „Täuschung ist manchmal eine Überlebensstrategie.“
„Das kenne ich“, murmelte er.
Ich verband die Wunde so gut ich konnte. Der Stoff färbte sich weniger schnell dunkel – ein winziges Zeichen, dass ich etwas richtig gemacht hatte.
„Warum… bist du zu meinem Laden gekommen?“, fragte ich schließlich.
Damon blickte aus dem Fenster.
„Weil das die erste Tür war, die offen war.“
Er sagte es, als wäre es die ganze Wahrheit.
Aber ich spürte: es war nur ein Bruchstück.
Und dann hörten wir beide ein Geräusch.
Ein dumpfes, metallisches Klirren draußen.
Ein Schatten, der sich an der gegenüberliegenden Hauswand entlang schob.
Damons Körper spannte sich augenblicklich an.
„Mach das Licht aus.“
Ich tat es.
Ohne Frage.
Ohne Zögern.
Etwas in mir wusste:
Diese Nacht würde nicht mehr harmlos werden.
Kapitel 1 von 16
Kapitel 3 von 16
