Das Buch, das jemand vor mir geliebt hat
Ich weiß nicht, wann ich aufgehört habe, an Zufälle zu glauben.
Aber ich weiß genau, wann ich wieder damit angefangen habe.
Ich heiße Jonas, bin 41, und ich kaufe Bücher grundsätzlich gebraucht. Nicht, weil ich sparen will. Sondern weil neue Bücher so verschlossen sind. So glatt. So unberührt.
Ein gebrauchtes Buch dagegen hat schon gelebt.
Eselsohren.
Kaffeeflecken.
Ein Zugticket als Lesezeichen, Hamburg–Köln, ein Dienstag im März.
An einem verregneten Samstag im Oktober stand ich in der „Bücherinsel“, einem Antiquariat, das nach Staub und Vanille riecht. Ich zog einen Roman aus dem Regal, den ich seit Jahren lesen wollte. Drei Euro fünfzig. Der Einband weich vom vielen Anfassen.
Zu Hause schlug ich ihn auf.
Und da war sie.
Nicht persönlich. Noch nicht.
Aber ihre Handschrift.
Bleistift, schmal, leicht nach rechts geneigt. Neben dem ersten Absatz stand: „Er lügt. Schon im ersten Satz. Ich mag ihn jetzt schon.“
Ich musste lachen. Allein, in meiner Küche, um halb elf am Abend.
Ich las weiter. Sie auch. Auf Seite 34 hatte sie einen ganzen Satz unterstrichen und danebengeschrieben: „So fühlt sich mein Februar an. Jedes Jahr.“
Auf Seite 78: „Hier musste ich an meinen Vater denken. Er hätte das nie gesagt. Er hätte es einfach getan.“
Auf Seite 112 nur ein einziges Wort: „Ja.“
Ich las keinen Roman mehr. Ich las ein Gespräch.
Manchmal widersprach sie dem Autor. Manchmal widersprach sie sich selbst, zwei Seiten später, und strich die alte Notiz durch, als würde sie mit sich verhandeln. Einmal schrieb sie: „Das verzeihe ich dir nicht“, und ich wusste nicht, ob sie den Autor meinte oder jemand ganz anderen.
Ich begann, langsamer zu lesen.
Nicht wegen der Geschichte.
Wegen ihr.
Am nächsten Samstag ging ich zurück in die Bücherinsel. Ich fragte den Besitzer, einen Mann mit Wollweste und unendlicher Geduld, woher der Roman stamme.
„Ach, die Bleistiftfrau“, sagte er, als wäre das ein vollkommen normaler Name für einen Menschen. „Sie bringt alle paar Wochen eine Kiste. Liest alles. Schreibt in alles. Ich müsste es eigentlich als beschädigt verkaufen.“ Er lächelte. „Aber es gibt Kunden, die kommen nur deswegen.“
Ich kaufte an diesem Tag vier Bücher.
Ich blätterte jedes einzelne vorher durch, mitten im Laden, wie ein Süchtiger.
Zwei davon trugen ihre Schrift.
So ging das den ganzen Winter. Ich las, was sie gelesen hatte. Ich fand sie in Krimis und in Gedichtbänden, in einem Sachbuch über Leuchttürme, in dem sie notiert hatte: „Einmal im Leben in einem wohnen. Nur einen Sturm lang.“
Ich lernte sie kennen, ohne sie zu kennen.
Ihre Ironie.
Ihre Februar-Schwere.
Ihren Vater, der nicht sprach, sondern handelte.
Und irgendwann, an einem Abend im Januar, tat ich etwas, das ich mir selbst nicht ganz erklären konnte.
Ich nahm einen Bleistift.
Unter ihre Notiz auf Seite 112 – unter ihr einsames „Ja“ – schrieb ich: „Ich auch.“
Und dann beantwortete ich alles. Ihren Februar: „Meiner heißt November.“ Ihren Vater: „Meine Mutter hat immer geredet und nie etwas gesagt. Vielleicht ist beides dasselbe Schweigen.“ Ihren Leuchtturm: „Ich würde den Sturm nehmen. Sie können das Meer haben.“
Ich brachte das Buch zurück in die Bücherinsel.
„Nicht verkaufen“, sagte ich zum Besitzer. „Nur zurückstellen.“
Er sah mich lange an. Dann nickte er, als hätte er so etwas nicht zum ersten Mal gehört.
Danach passierte: nichts.
Wochenlang.
Ich kam trotzdem jeden Samstag. Kaufte Bücher, die ich nicht benötigte. Durchblätterte Regale wie andere Leute ihre Nachrichten. Der Besitzer sagte nie etwas, aber er stellte mir irgendwann einen Stuhl in die Ecke.
Man kann auf einen Menschen warten, den man noch nie gesehen hat. Ich weiß das jetzt.
Es wurde März. Der Regen wurde wärmer.
An einem Samstag lag auf dem Stuhl in der Ecke – meinem Stuhl – ein Buch. Kein Roman, den ich kannte. Auf dem Vorsatzblatt, in schmaler, leicht nach rechts geneigter Bleistiftschrift:
„Für den Mann, der mit Bleistift antwortet.
Ich habe Ihre Notizen dreimal gelesen. Beim dritten Mal habe ich geweint, aber das geht Sie nichts an.
Ich heiße Marlene.
Samstags bin ich meistens gegen zehn hier.
Sie sind zu spät. Schon den ganzen Winter.“
Ich sah auf die Uhr.
Zehn nach zehn.
Ich habe die Bücherinsel noch nie so schnell durchquert. Sie stand in der Lyrik-Abteilung, einen Bleistift hinterm Ohr, und als sie mich sah, sagte sie nur: „Na endlich.“
Das war vor zwei Jahren.
Wir lesen immer noch gebraucht. Wir schreiben immer noch an die Ränder. Manchmal streiten wir uns auf Seite 40 und versöhnen uns auf Seite 200. Der Besitzer der Bücherinsel behauptet, er habe es von Anfang an gewusst, und wir lassen ihm das.
Und manchmal, wenn ich Marlene beim Lesen zusehe, denke ich an all die Notizen, die Menschen hinterlassen. In Büchern. In anderen Menschen. Ohne zu wissen, ob sie je jemand findet.
Wir hinterlassen ständig Spuren für Menschen, die wir nie treffen werden.
Aber manchmal – ganz selten – treffen wir sie doch.
Man muss nur antworten.
Mit Bleistift reicht.

