Das Foto, das ich nie entsorgt habe
Ich weiß nicht mehr, worüber wir an jenem Abend geredet haben.
Aber ich weiß noch genau, wie er mich angesehen hat.
Ich heiße Katrin, bin 47, und in der untersten Schublade meiner Kommode liegt ein Foto, das ich seit über dreißig Jahren nicht wegwerfen kann.
Es ist 1995. Ich bin sechzehn.
Eine Billardhalle, Neonlicht, das Klacken der Kugeln. Meine Klassenkameraden sind da, wie jeden Freitag. Und dann ist da plötzlich dieser eine Typ, den jemand mitgebracht hat.
Groß.
Sportlich.
Blonde Haare.
Und dieses Lächeln.
Er ging nicht auf unsere Schule. Er spielte Fußball mit ein paar Jungs aus meiner Klasse. Mehr wusste ich nicht. Mehr musste ich nicht wissen.
Irgendwann standen wir nebeneinander, Queue in der Hand, und redeten. Worüber? Keine Ahnung. Die Worte waren nur der Vorwand, um in seiner Nähe zu bleiben.
Ich war hin und weg. Und zum ersten Mal in meinem Leben war jemand hin und weg von mir.
Es ging schnell danach. So schnell, wie es nur mit sechzehn geht, wenn man noch nicht weiß, dass Zeit etwas ist, das ausgehen kann.
Mein erster Kuss.
Mein erster Freund.
Mein erstes Mal.
Alles er. Alles in einem Sommer, der sich anfühlte, als hätte ihn jemand nur für uns gebaut.
Drei Monate hat es gedauert.
Drei Monate. Mehr nicht.
Er trainierte immer mehr. Er war ehrgeizig, wollte weit kommen mit dem Fußball, und ich sah ihn seltener und seltener. Ich fing selbst mit einem Sport an. Unsere Wochen wurden zu Terminkalendern, in denen wir uns gegenseitig nur noch als Randnotiz vorkamen.
Und dann habe ich etwas getan, das ich bis heute nicht ganz verstehe.
Ich habe Schluss gemacht.
War es Unreife? War es Reife? Ich habe mir damals eingeredet, ich wolle seiner sportlichen Laufbahn nicht im Weg stehen. Ich habe mir eingeredet, es sei besser, jetzt aufzuhören – bevor wir uns zu sehr verlieben. Bevor es richtig wehtun kann.
Als ob man einem Sturz zuvorkommen könnte, indem man freiwillig springt.
Ich weiß noch, dass ich diesen Satz gesagt habe. Diesen furchtbaren Satz, den man mit sechzehn sagt, weil man ihn irgendwo aufgeschnappt hat und für erwachsen hält:
„Wir können ja Freunde bleiben.“
Ich habe gesehen, wie etwas in seinem Gesicht zerbrach, als ich das sagte. Sein letzter Blick – verletzt, ungläubig, still – ich habe ihn heute noch im Kopf. Über dreißig Jahre später. Schärfer als jede Erinnerung an meinen ersten Kuss.
Ich habe ihm das Herz gebrochen. Was ich damals nicht wusste: Ich habe auch meins gebrochen. Ich habe es nur später gemerkt.
Wir sind natürlich keine Freunde geblieben. Das wird man nie, wenn man diesen Satz sagt. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Keine Zufallsbegegnung in der Stadt. Kein gemeinsamer Bekannter, der mal etwas erzählt hätte. Er ist einfach aus meinem Leben verschwunden, so plötzlich, wie er an jenem Abend am Billardtisch aufgetaucht war.
Manchmal, spät abends, tippe ich seinen Namen in die Suchleiste.
Nichts.
Kein Profil. Kein Foto. Kein Zeitungsartikel über einen Fußballer, der es geschafft hat.
Als hätte es ihn nie gegeben.
Aber es gab ihn. Ich habe den Beweis in der untersten Schublade. Ein Junge von sechzehn, blonde Haare, dieses Lächeln. Ich habe das Foto in all den Jahren nie entsorgt. Bei jedem Umzug habe ich es in die Hand genommen, kurz gezögert – und wieder eingepackt.
Ich frage mich bis heute, wie es ihm geht.
Ob er glücklich ist.
Ob er lange gelitten hat.
Ob er mir irgendwann verziehen hat.
Und ob er ahnt, dass ein Mädchen von damals, das längst eine Frau von 47 ist, ihn nie vergessen hat. Dass er ihre Nummer eins geblieben ist – nicht, weil er der Größte oder der Beste war, sondern weil er der Erste war. Erster Freund. Erster Kuss. Erstes Mal. Erster Herzschmerz.
Wir waren doch erst süße sechzehn.
Vielleicht ist das die Wahrheit über erste Lieben: Sie enden nicht, wenn man Schluss macht. Sie ziehen nur um. Aus dem Alltag in eine Schublade, aus der Gegenwart in einen Blick, den man nicht mehr loswird.
Manche Menschen bleiben nicht in unserem Leben. Aber sie bleiben in uns – genau an der Stelle, an der wir zum ersten Mal geliebt haben.
Und wenn er das hier jemals lesen sollte, dieser große, blonde Junge von 1995, dann soll er eines wissen:
Es tut mir leid.
Und danke.
Für alles, was zum ersten Mal war.

